Scrum ohne Scrum Master – kann das funktionieren?

Am letzen Wochenende habe ich zum ersten (und garantiert nicht zum letzten) mal ein Barcamp besucht: das höchst gelungene Agile Barcamp in Leipzig. Voll bepackt mit neuen Ideen, vielen neuen Eindrücken und Einsichten bin ich wieder zurück und ein Thema geistert mir noch im Kopf herum: Kann man nach Scrum arbeiten und den Scrum Master abschaffen oder seine Aufgaben einfach auf andere Scrum-Team-Mitglieder verteilen?

Wie ich darauf komme: Dass das in der Praxis gelebt wird, habe ich nicht nur auf der #agileipzig gehört, sondern auch letzen Monat auf einer Messe. Nun sind diese zwei persönlich erfahrenen Fälle keinesfalls repräsentativ, erwecken jedoch den Anschein, dass der Scrum Master die erste der drei Scrum-Rollen ist, die man aufzulösen bereit ist.

Zwar bin ich kein Meister, stelle mir das Wegrationalisieren des Scrum Masters – unter theoretischer Beibehaltung von Scrum – aber aus verschiedenen Gründen schwierig bis unmöglich vor:

Scrum ohne Scrum Master, ist das noch Scrum?

Das Scrum-Framework funktioniert in sich, wenn alle erforderlichen Teile berücksichtigt werden. Hierzu gehören natürlich auch die drei Rollen Product Owner, Entwicklungsteam und Scrum Master. Fehlt eine Rolle, ist es dann noch Scrum?

Im Scrum Guide steht dazu:

Scrum’s roles, events, artifacts, and rules are immutable and although implementing only parts of Scrum is possible, the result is not Scrum. Scrum exists only in its entirety and functions well as a container for other techniques, methodologies, and practices.

Oder in anderen Worten: Pass es an, wie du möchtest, aber dann ist es kein Scrum mehr.

Wer sorgt sich um “Inspect & Adapt”?

Abgesehen davon dürfte auch bei eingespielten Teams nach einer gewissen Zeit jemand fehlen, der mit etwas Abstand auf die Zusammenarbeit, Hindernisse und alltägliche Schwierigkeiten schaut, dem Dinge auffallen und der das Team an das kontinuierliche Verbessern “erinnert”. Jeder kennt es schließlich, wenn ihm bestimmte Sachen selbst einfach nicht auffallen und erst dann bewusst werden, wenn andere es ansprechen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das zu 100% aus einem Team selbst kommen kann, wenn alle die ganze Zeit mit tatsächlicher Entwicklung – ob nun Software-Development, Marketing oder Produktentwicklung – beschäftigt sind.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang auch die Frage, warum Scrum Master abgeschafft wurden oder werden. Es macht einen Unterschied, ob sich eine Organisation aus Kostengründen dagegen entscheidet oder ob das Team selbst findet, keinen zu brauchen, und warum nicht.

Die Rolle Scrum Master behalten, aber auf mehrere Schultern verteilen

Auch diese Variante ist in der Praxis anzutreffen, aber kann das funktionieren? Hier sehe ich folgende Schwierigkeiten:

Drei Rollen, drei verschiedene Interessen

Die drei Scrum-Rollen haben sehr verschiedene Aufgaben und unterscheiden sich vor allem auch darin, worauf das Hauptaugenmerk jeweils liegt. Wenn man sich die Interessen “Die richtigen Dinge bauen” (Product Owner), “die Dinge richtig bauen” (Entwicklungsteam) und “die Dinge schnell bauen” (Scrum Master) anschaut, sind das völlig verschiedene Perspektiven und auch Ziele. Es bestehen zwar Überschneidungen, aber der Fokus liegt woanders.

Rollenwechsel mit Interessenskonflikt

Wer bereits nach Scrum arbeitet und an seine Anfangszeit zurückdenkt, der wird sich wahrscheinlich daran erinnern, wie schwierig es war, sich in die neue Rolle einzufinden und in dieser Rolle zu bleiben. Erst recht, wenn die vorherige Arbeit ganz andere Aufgaben und/oder Blickwinkel hatte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich ad-hoc im Joballtag ein ständiger Rollenwechsel vom Entwickler oder PO zum Scrum Master und zurück realisieren lässt, ohne die Interessen der anderen Rolle ganz abzustreifen.

Auch in der Kommunikation mit Stakeholdern sehe ich die verschwimmenden Zuständigkeiten kritisch. Redet gerade die Rolle PO, Scrum Master oder Entwickler? Wenn die Stakeholder noch nicht ganz vertraut sind mit Scrum, dürfte das nicht gerade dazu beitragen, die Absichten und Aufgaben der einzelnen Rollen auseinanderzuhalten und nachzuvollziehen.

Wie seht ihr das Ganze? Hat jemand Erfahrungen mit “Scrum” ohne Scrum Master oder kann sich das gut vorstellen?

Bildquelle: https://www.pexels.com/photo/ask-blackboard-chalk-board-chalkboard-356079/